die kleinschriftbewegung

typographische mitteilungen, zeitschrift des bildungsverbandes der deutschen buchdrucker, berlin, 28. jahrgang, mai 1931, seite 142
kutilei

absolute kleinschreibung ?

da es jetzt üblich ist, aufsätze über dieses thema in kleinschrift zu bringen, will auch ich nicht davon abstehen . die großschreibung in unserer sprache hat formen angenommen, die beim schreiben manches kopfzerbrechen bereiten; es ist nicht zu verwundern, daß der wunsch zur einführung der kleinschreibung immer mehr fuß faßt . wenn wir zur kleinschreibung übergingen, was ich gern befürworte, so wäre es aber ein unding, die groß buchstaben vollständig außer gebrauch zu setzen . wir könnten höchstens nur in der art der übrigen europäischen völker verfahren (abgesehen von england; der engländer schreibt alles, was er hervorheben will, groß) . ist es bis jetzt unsern kindern möglich gewesen, die erlernung von acht alphabeten zu erfassen, so wird das erlernen auch fernerhin keine überlastung des kinderhirns bedeuten . warum versucht man nicht, den groß- und kleinbuchstaben in druck und schrift einander ähnliche formen zu geben, so daß nur die größe der buchstaben den unterschied zeigt? etlichen unserer buchstaben ist dieser vorzug bereits eigen . doch das nur nebenbei .

absolute kleinschreibung mag wohl die schöne literatur vertragen können, sowie aufsätze usw. polemischer natur . vieles andere aber wird kaum mit vollständiger ausschaltung der großbuchstaben auskommen können . groß geschrieben bleiben müssen

  1. der anfangsbuchstabe eines satzes;
  2. die eigennamen und ihre beinamen, zum beispiel Peter der Große (hier würde absolute kleinschreibung verwirrung bringen, die keinesfalls der sinn des ganzen klarstellen kann);
  3. die firmentitel und buchtitel;
  4. die geographischen namen, die namen von straßen, öffentlichen bauwerken, brücken usw.;
  5. die benennungen großer geschichtlicher ereignisse; in allen ihren bestandteilen müssen aber groß geschrieben bleiben:
  6. die namen der höchsten staatlichen, gesellschaftlichen und wissenschaftlichen anstalten;
  7. die namen der zeitungen und zeitschriften .
die regel, die anredeform in briefen usw. groß zu schreiben, mag dahingestellt bleiben . würden wir zur kleinschreibung übergehen unter beibehaltung vorstehender sieben Punkte, so wäre ja der schwerpunkt der groß- und kleinschreibung überwunden; der schlechteste rechtschreibler wäre frei von zweifeln. die kleinschieibung kann nur mit dem ziele erstrebt werden. unserm volke in bezug auf rechtschreibung große erleichterung zu verschaffen und dem ausländer das erlernen unserer sprachc besser zu ermöglichen . die absolute kleinschreibung aber auf kosten unserer rechtschreibung anzustreben, zum zwecke der rationalisierung in den sich mit der schrift befassenden berufen, wie für schreibmaschinenfabriken, das graphische gewerbe usw. ist unsinnig . wollten wir schreibmaschinen ohne großbuchstaben herstellen, so wäre damit nicht viel gedient, denn die umschaltetaste müßte ja doch für zahlen und zeichen beibehalten bleiben; andernfalls müßten wir die tastenzahl erhöhen, wodurch die maschine nicht viel billiger, aber unhandlicher wird .

wir sehen sehr oft, daß der versaliensatz vielfach den vorzug verdient, weil er bessere satzbilder gibt . verträgt die heutige satzrichtung auch gut satz in kleinschrift, so müssen wir doch auch an später denken, denn die mode unterliegt im buchdruckgewerbe genau wie in allen andern dingen dem wandel der zeit . schauen wir doch einmal in die schriftkasten einer druckerei (namentlich der akzidenz), so zeigt es sich, daß gerade die fächer und reihen der großbuchstaben meist leer sind . von einem »brachliegen« kann da also gar keine rede sein .

wegen fehlens von buchstaben im kasten durchstöbert der setzer die ablegebretter einmal nach großen, ein andermal nach kleinen lettern . das beweist, obwohl von manchen schriften reichliche quanten da sind, daß sie trotzdem für bestimmte arbeiten nicht ausreichen . solange wir die großbuchstaben beibehalten (gemeint ist nicht die jetzige großschreibung), hat der setzer, soweit es der satz verträgt, zwei möglichkeiten, um die unproduktive, aber unumgängliche suchezeit nach buchstaben zu vermindern; er setzt zum beispiel KONSUMVEREIN LEIPZIG-PLAGWITZ oder Konsumverein Leipzig-Plagwitz, und bei absoluter kleinschreibung ? da können die fehlenden kleinbuchstaben auch nicht aus käse geformt werden .

die leistungsfähigkeit einer druckerei ist nur dann gesichert, wenn sie größere mengen und gute auswahl an schriften aufweisen kann . in vielen druckereien findet man noch reichlich bestände von altem schriftmaterial, das heutzutage nicht mehr, oder nur äußerst selten, zur anwendung kommt; hier könnte eher von einem »brachliegen« die rede sein.