die kleinſchriftbewegung

typographiſche mitteilungen, zeitſchrift des bildungsverbandes der deutſchen buchdrucker, berlin, 26. jahrgang, auguſt 1929, ſeite 181
G.

erſchrecken ſie nicht - wir ſchreiben alles klein

haben ſie keine angſt, kollegen, daß wir plötzlich angeſichts des neuerſchienenen buches »der große duden« die heute noch geltende, von allen aber als ſo reformbedürftig angeſehene rechtſchreibung plötzlich über den haufen werfen wollen. was uns bewegt, zu dieſem aktuellen problem ſtellung zu nehmen und dieſen aufſatz in kleinſchrift zu bringen, iſt die tatſache, daß die kleinſchreibung ſich immer weitere kreiſe erobert, und daß vielfach angenommen wird, die kleinſchreibung hänge eng mit der neuen richtung in der typographie zuſammen. im dezemberheft 1926 ſchrieben wir auf ſeite 332 die worte: »wir ſind zur zeit auch keine freunde der unbedingten kleinſchreibung ſämtlicher wörter und wollen es getroſt der entwicklung überlaſſen, ob ſich die mehrheit des volkes dazu bekennen wird. mit dem neuen ſtil hat das unſers erachtens nichts zu tun.« das wird heute noch unterſtrichen.

wie auf allen gebieten des öffentlichen lebens (zu denen ſchließlich auch die rechtſchreibung gehört), machten ſich gerade in den letzten jahren umwälzungen bemerkbar, die uns allen zu denken geben müſſen. es wäre ſicher töricht, ſich ſolchen zeiterſcheinungen auf jeden fall entgegenzuſtemmen. auch der neue »duden« wird die entwicklung auf dem gebiete der rechtſchreibung nicht aufhalten können, obgleich er heute (im gegenſatz zu früher und zu den amtlichen regelbüchern, die in zweifelsfällen kleinſchreibung empfehlen) in den vorbemerkungen ſchreibt: »dieſer rat der amtlichen regelbücher ſtellt eine vermittlung dar zwiſchen den anhängern und gegnern der großſchreibung unſerer hauptwörter; er wirkt aber nur in der richtung, die erinnerung an die zugrunde liegende vorſtellung abzuſchwächen und die ſo beklagenswerte verblaſſung der ſprachbilder zu fördern. da wir die gedanklich erziehende, das augenbild bereichernde und das leſen erleichternde großſchreibung haben, ſollte empfohlen werden: wer das hauptwort noch als ſolches empfindet, mag in zweifelsfällen mit großem anfangsbuchſtaben ſchreiben.« es wird aber für den, der ſich wenig mit rechtſchreiblichen dingen befaßt, einfacher ſein, alles klein zu ſchreiben, auch würde die kleinſchreibung für viele eine vereinfachung bedeuten. man prüfe an dieſem aufſatz, ob die kleinſchreibung irgendwie den ſinn beeinträchtigt, ob nicht lediglich gewöhnung an das großſchreiben das uns fremdartige hervorruft.

einzelne waren auch vor dem kriege ſchon eigenwillig genug, ſich an die geltende rechtſchreibung nicht zu kehren. ſoweit ſie ſchriftſteller waren, bereiteten ſie unſern korrektoren- und ſetzerkollegen die größten hemmniſſe und ſchwierigkeiten. den älteren kollegen iſt ja der wirrwarr der ſogenannten hausorthographien noch hinreichend im gedächtnis. jede buchdruckerei war froh, als wir endlich eine einheitliche rechtſchreibung durch den »buchdrucker-duden« erhalten hatten. natürlich könnten die beſtrebungen bezüglich der kleinſchreibung zunächſt wieder zum wirrwarr führen; denn man weiß ja zur genüge, daß heißſporne ſich nicht nur auf kleinſchreibung beſchränken, ſondern daß ſie auch die andern rechtſchreibregeln und die interpunktionslehre ignorieren. von da bis zur verlodderung des ſprachlichen überhaupt iſt dann nur noch ein ſchritt. hier liegt alſo die gefahr. aber darf uns dieſe gefahr ſo ſehr ſchrecken, daß wir uns darum der kleinſchreibung unter allen umſtänden und mit allen mitteln der abwehr gegenüberſtellen? iſt es gutzuheißen, wenn dieſes beſtreben mit gewalt unterdrückt wird? was ſoll man dazu ſagen, wenn einer ortsgruppe des bildungsverbandes ein gauvorſtand als entſcheidende inſtanz die aufnahme einer anzeige in kleinſchrift in den gaumitteilungen verweigert? eher kann man es noch verſtehen, wenn der rat einer ſüddeutſchen ſtadt die annahme einer eingabe eines lehrers, die in kleinbuchſtaben geſchrieben war, ablehnt, weil das konſervative element in jenem ſtadtrat überwiegt. ein amtsrichter, der den ſchriftſatz eines rechtsanwalts in kleinſchreibung ablehnte, wurde von der höheren inſtanz eines beſſern belehrt; man konnte dieſe nachricht vor kurzem in den zeitungen leſen. aber man darf den ſtandpunkt des höheren gerichts begrüßen, weil jeder friſche hauch in der juſtiz begrüßenswert iſt, und dieſen friſchen hauch wünſchen wir auch der deutſchen rechtſchreibung von ganzem herzen.